Mit dem Rad über die Kanaren

Die erste Etappe von Ampuyenta nach Gran Tarajal

Viele halten mich sicherlich für verrückt. In meiner Heimat würde man bekloppt sagen. Ich gehöre zu den Spezies Mensch, die das Leben als ein Abenteuer ansehen. Und was ich in jungen Jahren nicht wusste, ist, dass sich dies im Alter nicht ändert. Natürlich dachte ich immer, dass, was ich tue, das Normalste der Welt sei. Ich war sogar so naiv, zu glauben, dass dies das anstrebenswerteste für jedermann sei. Und ich brauchte lange, um zu verstehen, dass dies meisten Menschen das Leben aus einer anderen Perspektive betrachten.

Ja, viele finden es interessant oder sogar schön, wie ich lebe. Aber das bedeutet nicht, dass sie genauso oder ähnlich handeln. Freiheit im Äußeren und auch im Inneren waren immer mein Antrieb, die Welt und die Menschen kennen- und lieben zu lernen. 

Ich gehöre nicht zu der Spezies Menschen, die nach einem festen Schemata handeln. Obwohl ich mir dies immer wünschte. Aber man ständiger Durst, das Leben mit Haut und Haar, und vor allem mit meiner Seele, aufzusaugen, hinderten mich daran, an einem bestimmten Ort oder an einer bestimmten Umgebung zu haften.

Jetzt bin 65 Jahre alt, habe Übergewicht und Herz-Rhythmusstörungen und möchte die Kanarischen Inseln mit dem Fahrrad kennenlernen. Das ist verrückt und unvernünftig. Aber es ist so verdammt schön. Und deshalb kann ich nicht anders. Vor allem seit dem ich eine neue Maschine von Fischer in meinem Besitz habe. 

Früher war ich stolz auf meinen GTI, oder den 2.8 Liter Turbo usw. Jetzt ist es mein ETH 1861 E-Bike von Fischer.

ETH 1861 E-Bike von Fischer

Es gibt mir ein Stück Freiheit zurück. Ich fühlte mich so, wie ich mich fühlte, als ich mein erstes Fahrrad unter dem Weihnachtsbaum fand. Mit Rücktritt und ohne Gangschaltung.

Natürlich ahnte ich, dass E-Bikes gute Maschinen sind. Aber dass es mir soviel Lebensfreude bereitet, konnte ich mir nicht vorstellen.

Und die einzigartige Natur der Kanaren macht aus dem Gespann einen Turbo.

Meine erste Etappe meiner «Tour de Canarias» führt durch die Berge Fuerteventuras. Von Ampuyenta über Betancuria, Pajara bis an den Atlantik nach Gran Tarajal. 

Ich starte bei Fidel. Bar-Restaurante Fidel. Sie ist die einzige Kneipe oder zumindest eine der wenigen, die sich in den letzten 40 Jahren nicht verändert haben, oder gar nicht mehr existieren. Ein letztes Kulturgut alter Zeiten, als es noch keine oder nur ganz wenige asphaltierten Straßen, kein öffentliches Wasser und keinen öffentlichen Strom gab.

Auf der langen und staubigen Tour von der Hauptstadt in den Süden Fuerteventuras gab es einige Kneipen am Weg, um sich den Staub aus dem Mund zu spülen. Zwei oder drei Stopps waren normal. Schnell einen Kaffee. Mit oder auch ohne Cognac. Die meisten tranken einen Rum. Ron Arehucas von eben dieser Stadt Arehucas auf Gran Canaria. Rum löscht den Durst am besten, wenn man bei dieser Hitze durch die Wüste fährt. 

Dazu eine Tapa (ein kleiner Imbiss). Tapa bedeutet Deckel, ein Deckel auf den Drink. Es gab Ensaladilla rusa (so etwas ähnliches wie Kartoffelsalat mit Eiern und viel Mayonaise), Salmonetes fritas (kleine frittierte Rotbarben), Pulpo a la vinagreta (Tintenfisch in Essig-Öl-Sauce)  a la Gallega (Tintenfisch mit Paprika), Paella, zähes Ziegenfleisch und natürlich Ziegenkäse von der Bäuerin aus der Nachbarschaft. Das waren die üblichen Tapas, die es in fast jeder Kneipe gab. Heute sind Tapas verboten. Die strengen Hygienevorschriften der EU zerstörten ein Stück wunderbarer Kultur. Es ist mir kein Fall bekannt, dass sich jemand an einer Tapa vergiftet hätte. Und die Bäuerin aus der Nachbarschaft hat ihre Einnahmequelle verloren. Denn sie kann sich keine moderne Käserei nach den EU-Vorschriften leisten. Und genau diese Vorschriften verbunden mit den zunehmenden Alkoholkontrollen haben dazu geführt, dass die meisten Kneipen an der Landstraße schließen mussten.

Es kommt noch hinzu, dass auch hier die Menschen keine Zeit mehr haben. Auch hier nimmt der Druck ständig zu.

Die Kneipen an der Landstraße waren ebenfalls die Nachrichtenbörse der Insel. Hier traf man sich und erzählte man sich die aktuellsten Neuigkeiten. Man kannte sich von Nord bis Süd. Ein wenig davon kann man noch bei Fidel erleben. Er bereitet gerne einen kleinen Imbiss in der Küche zu, wenn man möchte. Aber das meiste sind nur die Erinnerungen an die alten Zeiten, die von vielen vermisst werden.

Hier stärke ich mich mit einem Brötchen mit Ziegenkäse und einem starken Cafe con leche, bevor es los geht mit meiner ersten Etappe.

Während ich rechts in die Hochebene von Santa Ines eintauche, erinnere ich mich an ein altes Ehepaar, die ein Stück ihrer Erde pflügten. Beide waren sehr alt und gingen mit krummem Rücken hinter einem Pflug her. Vor dem Pflug waren nebeneinander ein Kamel und ein Esel gespannt, die sich sichtlich verstanden. Der Alte manipulierte den schweren Eisenpflug und seine Frau lief hinter ihm her und streute die Samen in die Furche. Ihr Haus lag direkt neben dem Feld trockener Erde. Und eine sehr hohe Palme fällt auch heute noch ins Auge.

Das E-Bike geht gut. Man kann die Umgebung und die Natur betrachten. Es gibt ein paar alte und ein paar neue schöne Häuser. Man kann die kargen Vorgärten sehen. Manchmal riecht es nach Ziege. Eine kühle Brise zieht vom Atlantik durch die Hochebene. El Valle de la Concepcion, ein kleines Dorf, lasse ich rechts liegen. Nach ein paar Kilometer geht es langsam bergauf nach Valle de Ines. Eine liebliche Stimmung beherrscht das ganze Tal. Der Blick ist weit bis zum Horizont. Der Raum ist groß. Als ob einem die ganze Welt gehören würde. Ab und zu werde ich von einem Auto überholt. Vor einer Dorfkneipe in Santa Ines sitzen zwei Frauen. Scheinbar warten sie auf Kundschaft. Eine gute Gelegenheit zum Tratschen.

Immer wieder fallen mir die Häuser auf, die an diesem einzigartigen Ort stehen. Sie vermitteln mir Lebensfreude und eine Verbundenheit mit dieser Erde. Kein Stress, es sei denn, man macht ihn sich selbst.

Und es geht weiter zum höchsten Punkt meiner heutigen Tour. Gerade fühlte ich mich wie Pedro Delgado auf der Tour de France, als mich ein Rennfahrer auf seinem Rad überholte. Ohne Hilfsmotor. Die haben den Motor in den Beinen. 

Ich genieße die Aussicht über die Hochebene. Manchmal erwischt mich eine Windböe. Aber es geht bergauf, ohne Probleme. Ich trete zwar ständig in die Pedale, aber man muss nicht ans Limit gehen. Es ist eine angenehme Fahrt. Auch wenn es bergauf geht. Zwischendurch halte ich an schönen Stellen kurz an, um die Weite zu genießen. An der höchsten Stelle des Bergpasses residieren zwei Statuen von Guanchen mit ihrem Speer. Sie bewachen das Tor zum Tal von Betancuria. 

Kaum zu glauben, dass Betancuria die erste Hauptstadt der Kanarischen Inseln war. Hier war auch der Sitz der Diazöse der Kanarischen Inseln. Der Beginn der Christianisierung der Kanaren. Die Kathedrale Santa Maria de Betancuria war die erste Kirche der Kanaren, und gehört sicherlich zu den schönsten.

Leider finden keine Messen mehr statt. Wegen des Priestermangels und weil die Gemeinde zu den kleinsten Gemeinden der Kanaren gehört. Nun ist sie ein Museum. Für 1,50 € Eintritt kann man auch die Sakristei besichtigen. Es lohnt sich. 

Jean de Bethencourt gründete die Stadt mitten in den Bergen, um sich vor den Piraten zu schützen.

Eine schöne Überraschung war es, Juan Antonio de Hombre mit seiner Gitarre vor der Kathedrale zu treffen. Leider trifft man zu wenige Straßenmusiker auf den Kanaren. Vielerorts ist es auch verboten. Die Stadträte denken, es würde die Touristen stören. 

Juan Antonio de Hombre

Es kommen wieder Erinnerungen an alte Zeiten hervor. In fast jedem Dorf schallte die Musik einer Gitarre und einer Timple (typisches Saiteninstrument der Kanaren) durch die Dorfstraße. Dabei wurde kräftig gesungen. Die besten Sänger waren kleine Popstars auf den Kanaren. Sie sind von Kneipe zu Kneipe und von Dorf zu Dorf gezogen, und haben sich zu Rum und Tapas einladen lassen. Es gab natürlich keinen Autolärm und es gab kein Internet in allen Kneipen. 

Touristen schlendern durch Betancuria und genießen die Stimmung.

Danach geht die Tour weiter. Bergab durchs Tal bis nach La Vega. Am Ende eines Stausees, der schon lange kein Wasser mehr auffangen konnte, weil es schon seit 9 Jahren nicht mehr richtig geregnet hat, soll eine Jungfrau erschienen sein. Die Jungfrau von La Vega ist die Patronin der Insel. Am Hauptfeiertag, der dieses Jahr wegen Corona nicht stattfindet, pilgern die Menschen aus allen Richtungen in dieses Tal. Der einzige Tag, an dem es hektisch zugeht. 

Ich besuche die alte Mutter eines guten Freundes. Sie wohnt mit ihrer Schwester, beide um die neunzig Jahre alt, in diesem Tal. Als Gastgeschenk erhielt ich Pfefferschoten, Kaktusfeigen und eine Portion Weintrauben. Die Dame ist in diesem Dorf geboren und hat den Vater meines Freundes geheiratet, der aus Palästina ausgewandert war. 

Die kanarische Bevölkerung besteht aus einer Mischung von Einwanderern aus Europa, Asien und Afrika. Man hat den Eindruck, von jedem Schiff ist einer von Bord gegangen.

Am Ende des wunderschönen Tales geht es wieder bergauf. Kein Problem für mich mit meinem E-Bike. Es ist ein Genuss. Ich halte an, um einen Blick auf das mit Palmen bewachsene Tal und den Feldern zu werfen. Leider wird immer weniger angebaut. Hier und dort wird noch Gemüse und Obst für den Hausgebrauch angepflanzt. 

Der Tittenberg

Es dauert nicht lange bis zum höchsten Punkt am Ausgang des Tales. Auf der anderen Seite geht es bergab nach Pajara. Und es gibt wieder einen freien Blick auf den Atlantik. Ich lass es rollen. Immer mit beiden Händen an den Bremsen. Ich will die Abfahrt genießen.

Pajara ist die Hauptstadt des Südens, obwohl sie die am weitesten entfernte Stadt vom Zentrum der Touristenhochburgen ist. Hier sitzt die Gemeindeverwaltung und der Bürgermeister einer der reichsten Gemeinden der Kanaren. Ein schöner und ruhiger Ort. An den Wochenenden treffen sich gerne die Motorradfahrer hier, bevor sie die gleiche Strecke fahren, auf der ich mit dem Fahrrad gekommen bin. 

Das Portal der Kirche ist mit südamerikanischen Symbolen geschmückt. Lange fragte man sich, wie es dazu kam. Es waren die Bildhauer, die nach Südamerika auswanderten und nach Jahren wieder in ihre alte Heimat zurückgekommen sind. Wirtschaftsflüchtlinge aus dem Mittelalter. Es gibt ein paar hübsche Cafes. Auch ich mache hier eine Kaffeepause. Es ist sehr angenehm im Schatten, die die Bäume spenden.

Während ich meinen Kaffee trinke, fällt mir eine Geschichte ein. Ende der 60er Jahre kamen zwei Investoren in den Ort. Sie wollten eines der ersten Hotels bauen im Süden der Insel. Und sie warteten schon lange auf ihre Baugenehmigung. Damals lag es alleine im Ermessen des Bürgermeisters, ob er die Baugenehmigung unterschreibt oder auch nicht. Und wann er sie unterschreibt. Bürgermeister hatten den gleichen Stand wie kleine Könige. 

Der Bürgermeister lud sie zum Essen zu sich nach Hause ein, was ein paar Stunden dauerte. Die ganze Familie wurde ihnen vorgestellt. Es gab wie üblich mehrere Gänge und Kaffee und Cognac, oder auch zwei oder drei. Wahrscheinlich waren es auch mehr.

Danach führte er die deutschen Gäste durch seinen kleinen Ort. Zeigte ihnen die Kirche und erzählte ihnen Geschichten von den Menschen. Dann erwähnte er, dass er gerne ein kleines Schwimmbad für seine Einwohner bauen würde. Pajara liegt ja etwas entfernt vom Meer und vom Strand. Man muss wissen, dass es damals keine öffentlichen Schwimmbäder auf den Kanaren gab.

Die Hoteliers baten ihm sofort an, den Bau des Schwimmbads zu übernehmen, das würde sozusagen in einem Rutsch mit den Pools des Hotels erledigt werden können. Und es wäre ja kein Problem für sie. Und die ganze Technik würde eben im gleichen Container aus Deutschland mitgeliefert werden.

Darauf hin wollte der Bürgermeister den Hoteliers sein Büro zeigen. Es war ein Sonntag. Während er ihnen sein kleines Büro zeigte, holte er einen Stempel aus seiner Schublade und unterschrieb ihnen ihre Baugenehmigung.

Noch heute baden die Einwohner von Pajara in diesem Schwimmbad.

Direkt hinter Pajara geht es wieder leicht bergauf in Richtung Tuineje. Eine kleine Stadt in der Wüste. Und ich fahre und fahre über hügeliges Gelände an Las Casitas und Juan Gopar vorbei bis nach Gran Tarajal.

Wie ein Magnet zieht mich der Atlantik an. Das Wasser sprudelt wie Mineralwasser. Genau die richtige Erfrischung zum Abschluss einer wunderschönen Tour. Danach setze ich mich an die Promenade und nehme die verbrauchten Kalorien wieder auf.

Ein kleiner Junge kommt an meinen Tisch. Er ist vielleicht drei Jahre alt. Er sagt: »Hola, el sol te abraza.» «Hallo, die Sonne umarmt Dich»

Ich konnte nicht glauben, was ich hörte und fragte nochmal nach.

Und er wiederholte: »Hola, el sol te abraza.» «Hallo, die Sonne umarmt Dich»