Über Cardon nach Pajara und zurück

Corona wirkt. Corona isoliert. Die Menschen treten höflich zurück, um jeglichen Kontakt zu vermeiden. Wenn der Virus den Körper nicht angreift, dann verletzt er die Seele. Tief durchatmen würde guttun. Und dabei etwas erleben. 

Von Gran Tarajal über Cardon nach Pajara

So langsam entwickelt sich mein E-Bike zu meinem besten Freund, zu meiner persönlichen Insel der Freiheit. Ohne Maske. Ohne Regeln. Ohne Verbote.

Schon nach ein paar Minuten Fahrt setzt dieses Glücksgefühl ein, welches durch die Luft und das Licht Fuerteventuras verstärkt wird. Die ersten 5 Kilometer meiner heutigen Tour gehen über die Hauptstraße. Die Autofahrer verhalten sich diszipliniert, wenn sie mich überholen.

Bevor ich rechts in die Berge abbiege, halte ich kurz an der Tankstelle an. Ein gutes Gefühl, wenn man keinen teuren Sprit kaufen muss. Obwohl Benzin auf den Kanaren sehr preiswert ist. Verglichen mit den Preisen in Europa.

Dieses Geld investiere ich in einen Kaffee und in zwei Flaschen Wasser für die Tour. Ich habe Zeit. Alle Zeit der Welt. Ich habe keine Termine, keine Meetings, wie es heute in Neudeutsch heißt. Ich frage mich, warum immer wieder neue Worte erfunden werden müssen, obwohl wir noch nicht einmal alle deutschen Worte kennen. 

Gerne würde ich schöner schreiben können. Ich beneide die wortgewandten Schreiber. Ich schreibe so, wie ich rede. Und ich rede so, wie mir das Maul gewachsen ist. Der Inhalt ist mir wichtiger als der Stil. Und wenn die Leidenschaft mit mir durchgeht, kann ich anderen Menschen ziemlich auf den Wecker gehen.

Meine Gedanken fliegen, wenn ich auf meinem E-Bike sitze. Mein Körper ist warm und mein Puls ist angenehm. 

Jetzt geht es gleichmäßig bergauf. Ich fahre durch das Land an alten und an neuen Häusern vorbei. Es freut mich, zu sehen, dass es Menschen gibt, die sich wunderschöne Häuser mitten in die Prärie hinein bauen. An einem Ort, wo es keine Einkaufscenter gibt. Wo der Konsum weit weg ist. 

Wenn ich diese Häuser sehe, macht sich ein Gefühl von Lebensfreude in mir breit. Ein Gefühl, noch einmal mit dem Leben zu beginnen. Frau kennenlernen, heiraten, Kinder bekommen und Familie gründen. Und mit dieser Familie in einem dieser Häuser leben. Dinge, die ich schon erlebt habe, mehrmals.

Auch wenn ich das nicht mehr erleben werde, – um das zu wissen, muss ich nur in den Spiegel schauen – ist es ein angenehmes Gefühl. Ein Gefühl, welches ich voll und ganz genieße. Es ist ein Gefühl der Hoffnung. Es ist lebendig. Meine Isolation verfliegt.

Man spürt die Erdverbundenheit der Menschen, die hier leben. Man spürt das Glück dieser Menschen, ein Stück Erde für sich zu haben. Ein Glück, welches nicht jedem Menschen auf dieser Welt vergönnt ist. Auch wenn es schöne Häuser sind, spürt man ihre Bescheidenheit.

Wie man gut erkennen kann, bin ich ein unverbesserlicher Träumer.

Ich nähere mich dem kleinen Bergdorf Cardón.

Es ist kein Mensch auf der Straße, und ich kann mich nicht erinnern, dass mich ein Auto auf dem Weg bis hierhin überholt hätte. Aber es gibt eine kleine Kirche und daneben eine kleine Bar. Ein guter Ort für einen zweiten Kaffee. Ich bin der einzige Kunde. An der Wand hängen eingerahmte Zeitungsausschnitte. Alle sind vom wichtigsten Dorffest, das jeden Juni stattfindet. «La Virgen del Tanquito». Dann gibt es eine Prozession, bei der Menschen von der ganzen Insel teilnehmen. 

Die Jungfrau Maria wird einen kleinen steilen Pfad den Berg hinauf geschleppt. Bis zu einer Höhle, wo sie erschienen sein soll. Es dauert so zwei Stunden, bis die Madonna in der Höhle ankommt. Ein Meer von Blumen verhindert fast den Zutritt in die kleine Höhle.

Dieser Weg ist auch ein wunderschöner Wanderweg. Auch an anderen Tagen. Denn die Aussicht von hier oben ist einzigartig. Man kann bis nach Cofete, an die Südspitze der Insel schauen. Es lohnt sich.

Ich erinnere mich, als ich vor 40 Jahren gemeinsam mit einem Freund diesen Berg von der anderen Seite her hinaufsteigen wollte. Damals gab es noch keine Straßen. Weder auf der einen noch auf der anderen Seite. Es gab nur Ziegenpfade.

Aber auf halber Höhe machte uns ein Fischadler klar, dass wir auf seinem Berg nichts zu suchen hätten. Seine Sprache war eindeutig. Zwei Meter Spannweite und scharfe Krallen können ziemlich überzeugend sein. 

Als wir sein Hausrecht akzeptierten und den Berg wieder hinabstiegen, setzte er sich immer genau an den Ort, an dem wir uns einige Minuten vorher aufhielten, um nach ihm Ausschau zu halten. Das ging mehrere Male so. Das war sehr freundlich von ihm. Und bei uns kamen keine Zweifel mehr auf.

Leider gibt hier jetzt keine Seeadler mehr. Und es gibt nur noch einige wenige auf der Insel. Schade. Sehr schade. Wir Menschen nehmen zu viel Raum ein.

Der astronomische Aussichtspunkt Sicasumbre

Schräg gegenüber dieses Berges liegt der höchste Punkt meiner heutigen Tour. Der Aussichtspunkt Sicasumbre ist besonders lohnenswert. Auch wenn man einen kleinen Hügel hinaufsteigen muss. Die Gemeinde hat sich sehr viel Mühe gegeben, diesen Punkt attraktiv zu gestalten. Auf der einen Seite kann man an der Küste entlang bis nach Cofete schauen. In Richtung Osten liegt Cardon und nach Norden kann man in die einzigartige Berglandschaft hineinschauen, die unberührt ausschaut. Es scheint, als habe Gott die Berge mit seinen Händen modelliert. Es ist selten, dass man noch einem Stück unberührter Natur so nahe sein kann. 

In Richtung Küste liegt ein Militärgebiet. Das spanische Heer trainiert hier für den Ernstfall.

Man sieht die Soldaten nur ganz selten, wenn sie das Gebiet betreten oder verlassen.

Von Sicasumbre geht es bergab in Richtung Pajara. Es tut gut. Die Schwerkraft übernimmt die Regie. Die Straße führt durch eine ursprüngliche Natur. Es lohnt sich, immer wieder anzuhalten und einen Blick in die Berglandschaft zu werfen. Oder eine kleine Pause. Es gibt keinen Zeitdruck. Es ist ein Ausflug und kein Rennen.

Die American Star

Im Westen liegt die Playa Garcey. Sie wurde 1994 berühmt, weil das Passagierschiff American Star auf einer Sandbank auflief und zerbrach. Das elegante Passagierschiff American Star, Baujahr 1939, kreuzte mehrere Jahrzehnte über die Meere. Eine Reihe von Namen trug der Ozeanriese, bis er von einem Investor gekauft wurde und unter dem Namen American Star wieder zu Glanz kommen sollte. Auf dem Weg zu einer Reparaturwerft in Thailand geriet das Schiff, das geschleppt werden musste, in einen schweren Sturm vor der Westküste Fuerteventuras. Die Schleppverbindung riss, die American Star lief vor der Playa de Garcey im Westen von Fuerteventura auf Grund. Der ehemalige Luxusliner, mit einer Länge von 220 Metern und einer Breite von 28 Metern sowie 26.454 Bruttoregistertonnen, ist vollständig in den Fluten des Atlantiks verschwunden. Immerhin war die Amercian Star fast so lang und sogar etwas breiter als die legendäre Titanic. 

Elvis Presley soll auf dem Dampfer gespielt haben. Heute ist nichts mehr von dem Schiff zu sehen.

Vielleicht ist es eine Eigenart der Wüste. Auf den ersten Blick ist nichts zu sehen. Aber wenn man genauer hinsieht, lernt man extreme Geschichten kennen. Es ist der Reiz des elementaren Existenzkampfes, der die Wüste so attraktiv macht. 

Und auf Fuerteventura stoßen die Elemente aufeinander. Eine Wüste mitten im wilden und bedrohlichen Atlantik. 

Wenn man seine Sinne schärft und aufmerksam ist, bekommt man ein wenig dieser elementaren Energie mit. Vor allem, wenn man zu Fuß oder auf dem Rad unterwegs ist. Auch wenn die Gefahr, in der Wüste zu verdursten oder im Atlantik zu ertrinken kontrollierbar ist. 

Der Kaffee im Schatten der Kneipe in Pajara schmeckt jetzt besonders gut. Ich genieße eine längere Pause, bevor es wieder nach Hause geht.