Von Corralejo nach Ampuyenta

Corralejo

Ich fühle mich frei auf meinem E-Bike. Zu viele Einschränkungen während der Coronakrise. Das mag das Ego nicht. Das Ego rebelliert schon wegen der Pflicht, eine Maske zu tragen. Geradezu lächerlich, wenn man die Coronaeinschränkungen mit den Problemen vergleicht, die die Menschen in einem Krieg ertragen müssen. Und davon gibt es genug auf der Welt.

Aber das ist dem Ego vollkommen egal. Wir sind es gewöhnt, quer durch die Welt zu reisen, uns frei auf jeder Straße zu bewegen, ohne den Einschlag einer Granate befürchten zu müssen. Und wenn wir nun mit Maske rumlaufen müssen, keine Disko besuchen oder ein Fußballstadion betreten dürfen, werfen sich viele auf den Boden und strampeln wild mit den Armen und Beinen herum.

Wir alle merken, wie wertvoll die Freiheit ist. Vielleicht sollten wir beginnen, allen Menschen die Freiheit zu gönnen.

Diese Gedanken gehen mir durch den Kopf, während ich auf meinem Bike die Freiheit genieße, und das an einem wunderschönen Ort. Durch die unvergleichliche Natur Fuerteventuras. Fast schäme ich mich für dieses Privileg. Und ich wünsche mir, dass viele Menschen das gleiche erleben dürfen.

Erst einmal fahre ich durch Corralejo, die nördlichste Stadt auf dieser einmaligen Insel. Mit der Fähre ist man nur 30 Minuten von der Insel Lanzarote, die man deutlich sehen kann, entfernt. Die kleine Insel Lobos verdeckt ein wenig die freie Sicht.

Lanzarote

Trotz Corona gibt es Touristen am Strand und in den Straßen. Weniger als üblich. Aber besser als nichts. Jeder Tourist wird liebevoll bedient. Es tut weh leerstehende Hotels und Kneipen zu sehen. Das Leben geht weiter. Aber etwas ruhiger. Diese Ruhe vor dem Sturm wollen viele genießen. Denn der Sturm wird wiederkommen. Daran glauben alle.

Wir kaufen noch etwas ein für unsere Tour auf dem Bike. Etwas Obst und ausreichend Wasser, denn es ist heiß. Über 30 grad. Wenigstens das Wetter lässt uns nicht im Stich auf den Kanaren. Wir trinken einen Kaffee in einem Café am Hafen, neben einem kleinen Strand. Noch ein belegtes Brötchen und ein Croissant mit Käse zur Stärkung, und es geht los.

Wir fahren über die vierspurige Hauptstraße Richtung Lajares. Nach ein paar Kilometern geht es rechts ab durch die Wüste des Nordens. Es ist eine Wüste mit vulkanischen Steinen. Lavabrocken, die nach dem letzten Vulkanausbruch liegen geblieben sind und niemand weggeräumt hat. Nicht sehr menschenfreundlich aber überwältigend. Flechten wachsen auf den Steinen und täuschen einen grünen Schimmer vor. Der Tau der Nacht scheint diesen Gewächsen zum Leben zu reichen, obwohl sie den ganzen Tag die Hitze der Sonne ertragen müssen.

Lajares

Ein kleines Dorf mitten in dieser Lavawüste. Noch vor vielen Jahren gab es hier nur einen kleinen Laden und eine Dorfkneipe für ein paar Einwohner. Aber dann wurde das Dorf von den Surfern entdeckt. In Cotillo, dort, wo es die Wellen gibt, die von den Wellenreitern geliebt werden, gab es plötzlich keine Wohnungen mehr.

Also suchte man Wohnraum ein paar Kilometer zurück im Landesinneren. In Lajares, dass sich zu einem internationalen Treffpunkt für Surfer und deren Anhänger entwickelt hat. 

Ein Tummelplatz junger Leute aus ganz Europa mit dem gleichen Musikgeschmack, die den wilden Strand, Wohnmobile und das Meer lieben. Nun gibt es ein französisches Café, italienische Pizza und englische Pubs mit deutschem Bier. Es hat den Charme einer Goldgräberstadt. Ein Saloon mitten in der Wüste. Und um diesen Saloon herum sind einige Bungalowsiedlungen entstanden. Für die Touristen und für diejenigen, die Geschäfte mit ihnen machen.

Vom Bike aus bekommt man einen noch besseren Eindruck von der Gegend. Man kann in die Vorgärten sehen, kurz anhalten, genießen und weiterfahren. Mein E-Bike entwickelt sich zu meinem besten Freund.

El Cotillo

Über einen etwas rustikalen Fahrradweg geht es von Lajares nach El Cotillo. Daran, dass es einen Fahrradweg mitten in der Wüste gibt, sieht man, dass hier die Leute anders ticken. Irgendwie muss sich ein Surfer und/oder Biker in den Stadtrat von La Oliva verlaufen haben, der sich in La Oliva befindet.

Schon am Ortseingang findet man neben Yoga zwei große Surfer und Bikershops. Dort gibt es alles, was das Surfer- und das Bikerherz begehrt. Im neuen Ortsteil oberhalb des kleinen Fischerhafens, der sich hinter einer hohen Betonmauer vor den Wellen versteckt, gibt es viele kleine und große Restaurants und Cafés. Sie sind alle gut besucht. Und das mitten in der Woche.

Die jungen Europäer scheinen sich nicht vor dem Virus zu fürchten. Sie leben weiter ihr Ding und verbreiten eine positive und entspannte Stimmung.

Wer keine Angst vor großen Wellen hat, lässt sich von einem kleinen Virus nicht abschrecken. Übrigens die gleiche Stimmung herrscht auch in Lajares vor. 

Der alte Teil des Dorfes am Hafen macht vielleicht noch 20% der Gemeinde aus. Noch vor 30 Jahren war es eine kleine Weltreise bis hin nach El Cotillo. El Cotillo war der einzige Ort, wo es die «Mojo de Sal» gab. Eine Knoblauchsauce aus Öl, Knoblauch, ein wenig Essig und viel Meersalz. Kaum vorstellbar aber wahr. Besonders gut schmeckte sie auf gegrilltem Fisch und gegrillten Meeresfrüchten, und natürlich auf den «Papas Arrugadas», den Schrumpelkartoffeln. 

Das Dorf ist eine interessante Symbiose von Tradition und Moderne. Beides existiert nebeneinander und ergänzt sich sehr gut. Jung und Alt scheint hier möglich zu sein. Und ein kleines tolerantes Europa mit offenen Grenzen, ohne Vorurteilen, mit dem einzigen Ziel, das Beste aus der Situation zu machen und das Leben zu genießen.

Der einzigartige Strand macht das Genießen und das Entspannen etwas einfacher. Der Kontrast zwischen dem weißen Sandstrand und den schwarzen Felsen gibt dem Ort einen speziellen Charakter. Und Gott scheint gewusst zu haben, dass wir an diesem Strand baden wollten, und hat einen Lavastrom so vor die Küste fließen lassen, dass die Wellen abgeschwächt werden. So haben sich natürliche Schwimmbecken gebildet. Ideal zum Baden, auch für Kinder.

Normalerweise ist die Westküste Fuerteventuras zum Baden nicht geeignet, da der Wind meistens aus nordwestlicher Richtung kommt und einen großen Wellengang bildet.

La Oliva

Nach einem Bad in dieser natürlich gewachsenen Badeanstalt geht es wieder auf die Räder. Richtung La Oliva. Die Hauptstadt des Nordens. La Oliva war auch schon mal Hauptstadt der ganzen Insel, aber das ist lange her.

1708 war La Oliva der Sitz der Militärkommandantur. Und wo das Militär kommandierte, da war auch die Hauptstadt, und Fuerteventura wurde von La Oliva aus verwaltet. Diese Stellung verlor die Stadt jedoch 1860 an Puerto de Cabras, das heutige Puerto del Rosario.

Die Fahrt geht wieder an Lajares vorbei durch die Lavalandschaft des Nordens. Mutige Architekten haben einige interessante Häuser in diese eigentlich menschenfeindliche Landschaft gesetzt. Der wunderschöne Blick übers Meer bis zum Horizont einerseits und in die hügelige Berglandschaft andererseits macht den speziellen Reiz des Ortes aus.

Nach etwa 10 km Fahrt kommen wir in La Oliva an. Dank des E-Bikes ist auch der Weg, der leicht bergauf geht kein Problem. Wir schauen uns die Kirche an. 

Die dreischiffige Pfarrkirche Iglesia de Nuestra Señora de la Candelaria aus dem 18. Jahrhundert mit großem Glockenturm gehört zum Stadtbild. Sie ist aus der ersten Kapelle zu Ehren der Virgen del Rosario hervorgegangen. Vereinzelt sitzen ein paar Personen in der Kirche. Sie scheinen im Gebet vertieft zu sein. Die Stimmung ist sehr angenehm. Die Küsterin scheint die Abendmesse vorzubereiten. 

Vor allem fällt das Bild des Jüngsten Gerichts auf, etwa 3 × 4 Meter groß, 1732 vom Sohn des Gründers der Casa de los Coroneles gestiftet.

Am Brunnen vor dem Kirchplatz machen wir eine kleine Rast. Man hört nur das Getratsche der Leute, die in der Nähe in einer Kneipe sitzen. Sonst bewegt sich nichts. Ab und zu fährt ein Auto vorbei. Das Geplätscher des Brunnens ist entspannend. Wir sitzen im Schatten einer Palme.

Am liebsten würde ich die Nacht hier verbringen. Aber wir haben noch ein paar Kilometer vor uns.

Tindaya

Wir fahren in die hügelige Berglandschaft hinein. Auf diesen Abschnitt habe ich mich besonders gefreut. Tindaya ist vor allem wegen seinem Berg bekannt. Umweltschützer, Archäologen streiten sich schon seit Jahren mit der Bauwirtschaft, die den Berg am liebsten abbauen würden. Dabei war der Berg ein heiliger Berg bei den Guanchen. Noch heute findet man Überreste der alten Kultur. Höhlen mit Höhlenmalereien, Kultstätten und einiges mehr. Die Gier einiger weniger hätte beinahe dazu geführt, dass ein wichtiger Teil dieser Kultur verloren gegangen wäre.

Tindaya

Ansonsten geht es sehr ruhig zu in Tindaya.

In der Nähe Tindayas steht das Denkmal zu Ehren des Philosophen Miguel de Unamuno, von dem der berühmte Satz stammt: «Fuerteventura, eine Oase in der Wüste der Zivilisation.» Ein Satz, der heute noch zutrifft, obwohl er ihn schon vor fast Hundert Jahren zitiert hat. Er wurde zur Strafe von der damaligen spanischen Militärregierung nach Fuerteventura verbannt, weil er es sich erlaubt hatte, die Regierung zu kritisieren. Aus der Verbannung entstand aber eine starke Liebe zu dieser Insel.

Wir lassen sein Denkmal rechts liegen. Nun geht es hauptsächlich bergab in Richtung Tefia.

Tefia

Diese Strecke durch die Hochebene bei Tefia bis nach Ampuyenta mag ich besonders. Auch wenn man mit dem Auto durchfährt. Ich kann es nicht mit Worten beschreiben, warum sich mein Herz jedes Mal erfreut, wenn ich hier durchfahre. Und dies nun mit meinem Bike zu tun, war mein großer Wunsch. Und es wird nicht das letzte Mal sein, dass ich das tue. Eine alte Liebe ist immer anziehend, auch wenn man sich von ihr immer wieder trennen muss. 

Der Blick über die Ebene bis zum Atlantik hat etwas Besonderes. Tefia ein guter Ort für diejenigen, die ihre Ruhe haben wollen. Während der Fahrt genieße ich immer wieder diesen Blick über die Hochebene.

Ganz in der Nähe drehte Peter Maffay den Video für seinen Song Halleluja. Er soll öfter auf der Insel sein. Ein idealer Ort für Prominente, wenn sie sich mal zurückziehen wollen. Ich durfte seine Rockmusiker betreuen. Ein besonderes Erlebnis, auch wegen dieser Landschaft. Und die Musiker, richtig tolle Typen. Mein Sohn, der Filmemacher ist, übernahm die Produktionsleitung. Ein Team von der ARD war auch dabei. Sie produzierten eine Dokumentation über Peter Maffay.

Ampuyenta

Nun ist es nicht mehr weit bis Ampuyenta, wo die Tour für heute endet.

66 km waren wir auf dem Rad. Wir fühlen uns gut, während wir etwas in der Dorfkneipe trinken. Ein schöner Tag.