Von Gran Tarajal nach La Pared und zurück 1

Teil 1 bis La Pared

Die heutige Tour ist für mich auch eine Reise in die Vergangenheit. Ein emotionaler Tag. Einerseits drücken die Einschränkungen wegen des Virus auf die Magengegend. Andererseits freue ich mich auf diese Tour in eine Gegend, die Teil meiner Vergangenheit ist. In eine Gegend, die für mehrere Jahre meine Heimat war.

Nach ein paar Kilometern sind meine Beine gut durchblutet, und ich habe meinen eigenen Fahrrhythmus gefunden. Ich halte an einer Tankstelle an, um einen Kaffee zu trinken. Ich brauche kein Benzin. Ein gutes Gefühl.

Der Kellner erinnert mich etwas unfreundlich an meine Maske. Aber der starke Kaffee tut gut.

Marco Sanchez

Ich verlasse die Hauptstraße und biege ab in die Nebenstraße in Richtung Berge, die vor der Westküste liegen. Westküste für die Deutschen, weil sie im Westen liegt. Für die Einheimischen ist es die Nordküste, weil dort das Wetter vom Norden kommt. Die Passatwinde kommen immer von Norden und treiben die Wellen auf die Küste. Das macht den Zugang zum Meer komplizierter oder fast unmöglich. Und es gibt mehr Fisch auf dieser Seite, was natürlich für die Einheimischen der wichtigste Faktor ist. Denn Meer gibt es immer und überall auf einer Insel.

Marco Sanchez

Mein Weg führt an Marco Sanchez vorbei, einem kleinen Dorf mit wenigen vereinzelten Häusern. Bekannt ist Marco Sanchez, weil es dort, Pepe, einen Automechaniker, gibt, der zuverlässig und preisgünstig alle Autos repariert. Dann fährt man gerne mal ein paar Kilometer in die Prärie. Kurz hinter dem Dorf kommt eine Abzweigung. Links geht es nach La Lajita und der Weg rechts führt zu der Passstraße in Richtung Las Hermosas. Vor vielen Jahren bin ich diese Straße fast täglich gefahren, als sie noch nicht asphaltiert war. 30 km Staubstraße nach Gran Tarajal, denn dort gab es das wichtigste, was man brauchte. Und man brauchte immer was.

La Lajita im Hintergrund

Zuletzt hatte ich in Las Hermosas eine Finca mit 20.000 Pflanzen. Die Tomaten wurden nach England und nach Deutschland exportiert. Zu dieser Zeit war die Fuerteventura-Tomate die teuerste Tomate der Welt. Sie wurde sogar an der Warenterminbörse in London separat gehandelt.

Es gab die spanische Tomate, dann gab es die kanarische Tomate und eben die Fuerteventuratomate. Hauptsächlich drei Faktoren gaben der Tomate den besonderen Geschmack. Durch den ständigen Wind wurde die Tomate klein, die intensive Sonneneinstrahlung machte sie süß und das etwas salzhaltige Brunnenwasser gab der Tomate Würze. Eine Delikatesse. Ein Kilo kostete in Europa 10 Mark, und davon sind vielleicht 50 Pfennig bei den Bauern angekommen, wenn überhaupt. Mein Ertrag war noch geringer, weil ich mich entgegen allen Stimmen geweigert habe, meine Tomaten mit Chemie zu behandeln. Das war mir zuwider. Und so wurde ich, ohne es zu wissen und ohne es zu wollen, der erste Biobauer, obwohl dieses Wort noch gar nicht existierte. Die Grüne Partei war damals gerade mal 1 oder 2 Jahre alt. Und ich war kein Umweltaktivist. Ich fand und ich finde Chemie im Gemüse einfach ekelhaft. Und was ich nicht esse, das wollte ich auch nicht an andere verkaufen. Und Gier war noch nie ein Beweggrund meines Handelns, obwohl ich manchmal denke, dass mir ein wenig Gier gutgetan hätte. Aber dieser Gedanke verfliegt dann schnellstens. Das ist ganz einfach meine Natur, und ich verurteile auch nicht diejenigen, die anders handeln.

Ein Produkt meiner Natur war es auch, dass ich die erste Windmühle zur Stromerzeugung aufstellte. Also die zweite, denn die erste hatte der Elektriker, der sie vertreiben wollte. Es gab damals noch keine digitale Technik. Es waren die ersten Versuche der Windenergie mit analoger Technik. Eigentlich nur eine 12 Volt Lichtmaschine, die von einem Windrad angetrieben wurde. So wurde das ganze Haus mit einem 12 Voltstromkreis ausgestattet, mit 12 Volt Glühbirnen, Kassettenrekorder und Fernseher. Das Licht flackerte und manchmal lief die Musik langsamer, weil die Autobatterien schnell wegen der ständigen Spannungsunterschiede kaputt gingen. Es war romantisch, denn, wenn man den Kassettenrekorder ausschaltete, hörte man das Rauschen des Meeres und das Säuseln des Windes, sonst nichts.

Einen Dieselgenerator benutzte ich nur für die Wasserpumpe, um die Pflanzen zu bewässern und den Wassertank zu füllen. Zur gleichen Zeit konnte man die Waschmaschine oder andere Elektrogeräte verwenden.

Plötzlich war ich schon wieder ein Exot, obwohl dies nicht meine Absicht war. Viele Menschen von der Insel und von anderen Inseln kamen, um sich meine Windmühle und meine selbst gebaute Solarzelle zur Warmwasserherstellung anzusehen. Verwundert schauten sie auf meine Glühbirnen, meinen Kassettenrekorder und testeten das leicht angewärmte Wasser.

Die Deutschen konnten nicht glauben, dass ich sogar Kohlrabi in der Wüste anbaute. Alles das, was für mich normal war, war für sie exotisch. 

Sogar Helmut Kohl besuchte mich mit seiner Familie auf meiner Finca. Ich dachte, ich sehe eine Fata Morgana, als er plötzlich vor meiner Tür stand. Er blieb etwa eine Stunde, interessierte sich für meine Finca und auch für mich. Und ich war verwirrt. Ich hätte ihn gerne in mein Haus eingeladen, aber da liefen ein paar nackte Frauen herum. In der Einsamkeit braucht man keine Badehosen. Und ich war mir nicht sicher, was passiert wäre. Wer denkt denn schon, dass auf einer einsamen Insel Helmut Kohl vorbeikommt. 

Schade, dass er sich nicht vorangemeldet hatte. Ich hätte ihn gerne besser kennengelernt. Vor allem gehöre ich auch zu denjenigen, die Helmut Kohl, unterschätzt hatten. Ich habe ihn nie gewählt, und jetzt wäre ich froh, wenn wir nochmal einen Helmut Kohl als Bundeskanzler hätten.

All dies ging mir durch den Kopf, während ich mich die Passstraße hinaufquälte. Gut, dass ich auf einem E-Bike sitze, sonst hätte ich hier schieben müssen, oder, was noch wahrscheinlicher wäre, ich hätte diese Tour gar nicht angetreten. 

Eine tolle Maschine, mein E-Bike. Es erlaubt mir, bergauf und bergab durch meine so geliebte Natur Fuerteventuras zu fahren. Der Duft der Erde, das Licht, alles bringt alte Erinnerungen in mir hervor. Oben an der höchsten Stelle kreuzt ein Wanderweg die Straße. Es ist der Wanderweg, der vom Norden der Insel bis in den Süden führt. Diesen Weg zu gehen, wäre bestimmt ein kleines oder auch großes Abenteuer.

Ich genieße die Fahrt bergab in das Tal von Las Hermosas hinein. Verwundert bestaune ich ein paar wunderschöne Villen, die in den Hang hinein gebaut wurden. Und ich frage mich, wer hier wohl wohnt. 

Im Tal fahre ich an einem alten Tor vorbei. Es war die Einfahrt nach Chilegua, der Finca von Albert Langenbacher. Hinter dem Tor geht es einen kleinen Pass hoch. Und auf der anderen Seite des Berges liegt Chilegua. Langenbacher ist als junger Elektriker-Geselle auf Wanderschaft gegangen. Der Schwabe ging über die Alpen bis nach Neapel, dann nach Barcelona und über Cadiz bis nach Las Palmas, wo er 1922 ankam. Und zwei Jahre später erreichte er Fuerteventura.

Dort arbeitete er auch für Gustav Winter, der als Ingenieur für die deutsche Regierung tätig war. Deutschland wollte auf Fuerteventura einen Militärstützpunkt aufbauen. Pläne, die dann später von der Hitlerregierung weiter verfolgt wurden, wodurch auch die Villa Winter bei Cofete entstand.

Langenbacher, der von den Einheimischen Don Alberto genannt wurde, installierte in Gran Tarajal Dieselgeneratoren und versorgte das Dorf mit Elektrizität. So wurde Gran Tarajal das erste Dorf mit öffentlichem Strom auf Fuerteventura. Sein Angestellter ging dann von Haus zu Haus, um die Stromzähler abzulesen und um zu kassieren. Noch heute gibt es in Gran Tarajal eine Baustoffhandlung Langenbacher. Sein Enkel wurde einmal Windsurfweltmeister.

Die Fahrt geht weiter durch dieses Tal. Kurz vor dem Ende des Tales fahre ich einen kleinen Hügel hinauf zum Fußballstadion Benito Alonso. Zehn Häuser und ein Fußballstadion mit einer ganz speziellen Geschichte. Eine Geschichte, an der ich auch ein wenig beteiligt war. Als kleines Rädchen.

Stadion Benito Alonso

Mein Freund, Arnold Gries, ein Klempner aus Hamburg gründete in La Pared einen Fußballverein. Er wurde dabei von Juan, der ein Restaurant in La Pared führte, unterstützt. Natürlich lachten viele über die beiden. Es gab ja nur ein paar Familien in diesem Tal. Wo sollten also die Spieler herkommen. Der Funke sprang aber über, und sie schafften es eine Mannschaft zusammenzustellen. Neben dem Restaurant baute man einen Fußballplatz. Alle halfen mit. Das war Ende der 70er. 

Das alleine wäre schon eine schöne Geschichte.

Ich hatte zwei Häuser an der Küste La Pareds, die ich 1989 oder 1990 an eine große Baufirma verkaufte. Die wollten dort ein Restaurant bauen. Sie bekamen aber von der Gemeinde Pajara nur eine Baugenehmigung, wenn sie sich bereit erklären würden, den lokalen Fußballverein zu unterstützen. Was sie auch taten. 

Nun konnten sie sich eine gute Ausrüstung und gute Spieler leisten, worauf sie ständig in die nächst höhere Liga aufgestiegen sind. Als sie 1996 in die 3. Division Spaniens aufgestiegen sind, nannte man den Verein um von UD La Pared in UD Pajara Playas de Jandia. 1997 spielten sie dann schon in der Division Segunda B, was die dritte Liga Spaniens ist. Und 2001 schafften sie es in die Hauptrunde des spanischen Pokals, der Copa del Rey. Das Los entschied sich für nichts weniger als Real Madrid als Gegner.

Es war das erste Pflichtspiel von Zidan für Real Madrid. Die Millionäre von Madrid dachten bestimmt, es wäre ein Aprilscherz oder es handle sich um die versteckte Kamera, als sie im Stadion von La Pared ankamen.

Real Madrid gewann mit 4:0 mit Toren von Guti in der 27., 47. und der 73. Minute. Savio erhöhte in der 77. Minute auf 4:0.

12 Jahre spielten sie in der dritthöchsten Liga Spaniens, und 2004 belegten sie sogar den 2. Platz.

Las Hermosas

Schräg gegenüber vom Stadion Benito Alonso wohnte Benito, der dem Stadion den Namen gab. Sogar die Kirche trägt auch seinen Namen. Benito ist die spanische Form für Benedikt. Ich nannte ihn den Indianerhäuptling. Denn er saß jeden Tag wie ein Indianer auf der Spitze des Berges, um von dort aus das Meer zu beobachten. Obwohl das Meer noch 2km entfernt lag, konnte er an der Beschaffenheit des Meeres erkennen, ob, und wenn ja, wo es sich lohnte, zu angeln. Er war spezialisiert auf die Fischsorte Vieja (Papageienfisch). Dafür besaß er eine besondere Angel. Ein langes Schilfrohr, an dem an der Spitze im rechten Winkel ein Knorpelknochen einer Ziege befestigt war, wo die Angelschnur angebracht wurde. Denn der Papageienfisch muss überlistet werden, weil er erst einmal an dem Köder schnuppert. Und das kann man erkennen, wenn sich der Knorpelknochen bewegt. Damit meine ich, dass Benito dies erkennen konnte. Da er genau wusste, wo sich die Fische aufhielten, brauchte er meistens nur eine Stunde, um seinen Eimer zu füllen. Niemand sonst konnte das.

Die Vieja ist ein sehr delikater Fisch. Man muss ihn behutsam behandeln, damit sein Fleisch nicht verletzt wird. Deshalb wird er auch mit den Schuppen zubereitet. Denn wenn er verletzt ist, verliert es seinen saftigen und zarten Geschmack.

Bevor ich weiterfahre, muss ich aber noch eine Anekdote über Benito erzählen.

Wenn man an seinem Haus vorbeifuhr, sprangen hunderte wilde Kaninchen aufgeregt hin und her. Auf einer Fläche von etwa 20 mal 50 Metern befanden sich hunderte von Ein- und Ausgängen der Kaninchenbauten. Benito und seine Frau fütterten sie mit Küchenabfällen und Körnern. Ich erinnere mich, dass ich des Öfteren fassungslos stehen geblieben bin, um dem Treiben zuzusehen. Diese Geschichten entstehen, wenn Menschen mit der Natur und den Tieren sehr verbunden sind. Benito und seine Frau respektierten die Tiere als Lebewesen und sahen sie nicht als Nutztiere. Das merken auch wilde Tiere, wie die Kaninchen, und sie blieben in Freundschaft in ihrer Nähe. Ich weiß nicht, ob es auch ab und zu einen Kaninchenbraten gab, was ich bezweifle. Aber eingesperrt, um sich an ihnen zu bereichern, hat er sie nicht.

Dank des entspannten Fahrens auf meinem E-Bike, kann ich mich mit Freude an all diese Geschichten erinnern. Und die Geschichten nehmen kein Ende.

Nur ein paar Meter unterhalb des Stadions treffe ich Benitos Sohn, Anselmo. Ich hätte einfach nur grüßen können. Aber was ich entdeckte, ließ dies nicht zu.

Skulpturen von Anselmo

Direkt am Weg sah ich eine Gruppe von Menschen. Aber als ich näher herankam, bemerkte ich, dass es Skulpturen waren. Auf meine Frage, was er sich dabei dachte, bekam ich die Antwort: «Weil ich Lust dazu hatte.»

Neben einer kleinen Hütte aus Schilf hat er ein paar Ziegen und eine Eselin mit ihrem Jungen, das nur ein paar Tage alt war. Als Futter pflanzt er Alfalfa, den er noch mit Brunnenwasser bewässert.

Früher wurde überall auf der Insel Alfalfa angebaut. Die meisten Brunnen aber sind heute so salzhaltig, dass man das Wasser für den Alfalfaanbau nicht mehr verwenden kann. Und öffentliches Wasser ist für diese Art von Landwirtschaft zu teuer. 

Anselmo spielte auch in der ersten Fußballmannschaft von La Pared. Wir hielten ein kleines Schwätzchen über alte Zeiten, über Arnold Gries und Juan, und über seinen Vater, der wegen einer Embolie die letzten 8 Jahre seines Lebens nicht mehr richtig laufen konnte. Sein Bruder, der auch Benito hieß, erlitt ein ähnliches Schicksal. Deshalb baute Anselmo ihm einen Rollstuhl, damit er mit ihm angeln gehen konnte. Zu dessen Erinnerung bestückte er den Rollstuhl mit einer Skulptur.

selbst gebauter Rollstuhl

Ich komme mir vor wie in einem Roman von Garcia Marquez, «Hundert Jahre Einsamkeit». «Nichts in der Welt ist schwieriger als die Liebe.»​ ist eines seiner bekanntesten Zitate. Übrigens aus seinem Roman «Die Liebe in Zeiten der Cholera, 1985» Wie zeitlos. Aktueller könnte dieses Zitat in den heutigen Zeiten nicht sein.

Und doch kann Liebe so einfach sein, wenn man sich die Skulpturen von Anselmo und seine Tiere anschaut. Seine Bescheidenheit und seine Einfachheit ist seine Stärke.

Er erzählte mir, dass er in einer Villa den Garten pflege. Dafür bekäme er 200 Euro im Monat. Und er hätte mit dem Rauchen aufgehört, wodurch er 300 Euro sparen würde. Das mache dann 500 Euro. Mehr brauche er nicht für sich und seine Tiere.

Ich bin dankbar, dass ich diese Geschichten erleben durfte, als ich mich wieder auf den Weg machte. Ich fahre an dem kleinen Kulturzentrum des Dorfes vorbei. Ein Vater spielt mit seinem kleinen Sohn auf dem davorliegenden Spielplatz. Meine Kinder waren auch so kleine, als ich hier in dieser Gegend lebte.

Dann fahre ich den Berg hinunter. An dem Haus von Ezequiel und seiner Familie vorbei, die auf meiner Tomatenfinca arbeiteten.

Ich halte einen Moment inne. Und ich erinnere mich an eine Geschichte, die den Kontrast zweier verschiedener Welten deutlich veranschaulichte.

Ein Bauer in der Wüste

Es riecht etwas angebrannt. Candelaria grillt auf einer Grillpfanne, die sie auf dem Gasherd erhitzt, „Jareas“ (auf heißen Steinen getrocknete Fische). Ich bin den steinigen Weg hinauf zu ihrem einfachen Haus geklettert und sitze jetzt in ihrem Empfangsraum, Wohnraum und Essraum. Ein Tisch aus einer mit blauem Kunststoff furnierten Pressspanplatte, mit einem schon angerosteten Rohrgestell darunter, bildet das Zentrum des Raumes. Die Stühle sind aus gleichem Holz gemacht. Einige Tomatenkisten an der Wand dienen als Ablage und Regal für einige Familienfotos, die um ein Bild einer Jungfrau Maria herumgebaut worden sind. Die Wände sind gerade einmal verputzt. Man erkennt die Zeichnung der Kelle, die den Wänden eine persönliche Note gibt. Für Farbe ist kein Geld übrig. Ein Pin-up-Kalender einer weltweit bekannten Ölgesellschaft hängt neben der Tomatenkiste. Unter der Tomatenkiste sind mehrere Schlüsselanhänger zu einer kleinen Kollektion aufgereiht.

Jareas

Der Bodenbelag ist ein feiner Zement-Estrich, in den man mit einer Schnur Rillen ein-zeichnete, die die Fugen eines Kachelbodens nachahmen sollen. Durch ein kleines Fenster und die offenstehende Tür fällt etwas Licht in den Raum. Auf der Fensterbank steht eine alte Weinflasche mit Kunststoffblumen von der letzten Kirmes. Die Raumtemperatur ist sehr angenehm. 

Es ist für Candelaria eine Selbstverständlichkeit, dass man einen Gast mit dem wenigen, was man besitzt, bewirtet. Jeder reißt sich ein Stück von dem getrockneten Fisch ab. Er ist zäh wie getrockneter Schinken und schmeckt sehr würzig. Obwohl sich ein europäisches Auge und erst recht mitteleuropäischer Gaumen an solche Speisen zuerst einmal gewöhnen muss. Dazu gibt es Zwieback und Gofio, aus dem Zurrón (kleiner Beutel aus Ziegenleder), den Ezequiel geschmeidig und kräftig auf seinem Oberschenkel knetet. Schnell hat Candelaria ein paar Tomaten von der eigenen Finca in Scheiben geschnitten. Darüber streut sie etwas grobes Salz und kleingehackten Knoblauch. 

Zurron

Gegen den Durst gibt es gelben kanarischen Rum. Der darf in keinem Haushalt fehlen. Ezequiel hat immer ein paar Flaschen „Ron Arehúcas“ auf Vorrat. Um sechs Uhr morgens trinkt er den ersten Rum zum Café. Ob bei der Arbeit auf der Finca oder beim Fischen, eine Flasche Ron ist dabei. Ab und zu nippt man mal an der Flasche, um sich den Staub- oder Salzgeschmack aus dem Mund zu spülen. 

Porron

Ansonsten trinkt man Wasser aus einem Porrón, ein großer Tonkrug mit einer Öffnung zum Füllen und einem Nippel zum Trinken. Da der Porrón aus porösem Ton besteht, kühlt das Wasser durch die Verdunstungskälte zu frischem Trinkwasser ab. Inzwischen ist noch ein Nachbar dazu gekommen. Er bedient sich erst einmal an der Rumflasche, bevor er sich über die neuen Tomatenpreise beklagt. Man merkt, dass er sich hier wie zu Hause fühlt. 20 bis 25 Peseten soll es dieses Jahr nur geben. In einem guten Jahr kann man über hundert Peseten für ein Kilo Tomaten erreichen. Skrupellose Exporteure bestimmen den Preis auf Gutdünken. Obwohl die Fuerteventura-Tomate an der Londoner Waren-Termin-Börse die besten Preise erreicht, weil sie von Kennern als die Delikatessentomate bezeichnet wird, müssen viele Bauern ihre Finca an die Exporteure verkaufen. Viele Kleinbauern müssen nun als Angestellter auf ihrer eigenen Finca arbeiten. „Wir verdienen ihnen das Geld, mit dem sie uns dann unsere Fincas abkaufen“, beklagt sich Benito, der Nachbar. Die speziellen Bedingungen Fuerteventuras geben der Tomate die besondere Würze. Wind und Sonne verursachen eine kleine aber süße Tomate. Und das salzhaltige Brunnenwasser gibt ihr die Würze. Sonst bauen die Menschen in den Bergen Fuerteventuras etwas Mais und Alfalfa für die Ziegen an. Das gibt Milch für den besonders würzigen Käse. Ein paar freilaufende Hühner liefern ihnen Eier. In einem kleinen Nutzgarten ernten sie Zwiebeln, Knoblauch und etwas Gemüse für den Hausgebrauch. Das salzige Wasser lässt keine große Vielfalt an Gemüsesorten zu.

Alle setzen sich in den Schatten einer Dattelpalme. Der Rum steht auch im Schatten.

Während alle die angenehme Luft unter den Palmen genießen, erzählt man sich die letzten Abenteuer, die man am Atlantik oder auf der Finca erlebt hat. „Cuantas viejas has cogido anoche?“ (Wie viele Papageienfische hast du gestern Abend gefangen?), fragt Ezequiel etwas zynisch Don Benito. Er wusste, dass es gestern fast unmöglich war, an der wilden Nordküste zu fischen. Sechs Meter hohe Wellen schlugen so fest auf die schroffen Felsen, dass man es sogar hier oben auf der Finca hören konnte. Die Finca liegt in einem kleinen Tal zirka zwei Kilometer von der Küste entfernt. 

Überrascht reagiert er, als ihm Don Benito mitteilt, dass er zwölf „Viejas“ gefangen hätte, und dass es der Familie sehr gut geschmeckt hätte. Er erzählt natürlich alle Einzelheiten des festlichen Menüs und findet genüsslich Genugtuung an den immer länger werdenden nach unten hängenden Mundwinkeln. Alle wissen, dass Don Benito die Wahrheit sagt. Er ist bekannt dafür. Er ist der große Meister, was das Fischen von „Viejas“ betrifft. Die Majoreros (so nennt man die Einwohner Fuerteventuras) benutzen für den so schwierig zu fangenden Papageienfisch eine lange Rute, an deren Spitze im rechten Winkel ein Stück Knorpel einer Ziege befestigt ist. Die Angelschnur ist gerade so lang, dass man den mit Krebsen bestückten Haken einen oder zwei Meter ins Wasser eintauchen kann. «Die «Vieja» schnappt nicht nach dem Köder, wie andere Fische es machen, sondern lutscht so vorsichtig wie ein Vampir an ihrem Opfer,» erklärt Don Benito den neugierigen Zuhörern. Erfahrene Angler erkennen an der speziellen Bewegung des Knorpels, ob eine „Vieja“ die Schnur bewegt, oder ob das Zittern von der Strömung oder den Wellen verursacht wird. Es gibt nur wenige, die diese Technik beherrschen, aber niemand fängt „Viejas“ so gut wie Don Benito. Man nennt ihn auch den Magier. Er soll wissen, wo und wann sich die Fische an dieser Stelle oder an einer anderen aufhalten. Schon oft hat man kopfschüttelnde Angler nach Hause gehen sehen, weil sie, obwohl sie in der Nähe Don Benitos fischten, zusehen mussten, wie Don Benito ihnen einen Fisch nach dem anderen vor der Nase wegfischte. Vielleicht versteht er den Rhythmus der Natur so gut, weil er jeden Abend auf der Spitze des hinter seines Hauses liegenden Berges den Sonnenuntergang und den Atlantik beobachtet. 

Ezequiels Kommentar dazu: „Es fehlt nur noch, dass Don Benito uns Rauchzeichen gibt“. Die intensive Sonnenstrahlung, die schattenspendende Dattelpalme und der frische leichte Wind vom Meer bilden ein menschenfreundliches Klima. Ja, man könnte sagen, der liebe Gott hat es sehr gut mit uns gemeint. Wir lassen unsere Füße mit dem kühlen Sand spielen. Gelegentlich verirrt sich eine fleißige Wüstenameise auf unserem Fuß. Während wir uns den nächsten kleinen Rum an der Gurgel vorbei wie Öl den Hals runterlaufen lassen, sind die Ameisen verzweifelt auf der Suche nach allem Brauchbaren. Alles, was wir Menschen in den Wüstensand fallen lassen, ist bei ihnen herzlich willkommen. Ein Brotkrümel, ein Stückchen trockenen Fisch oder sogar eine alte Fischgräte, alles wird von ihnen irgendwie verwertet. Die Menschen von hier können das gut verstehen. Sie wissen, wie es ist, in der Wüste überleben zu müssen. Aber sie wissen auch, wie reizvoll und wunderschön es ist. Jeder Bissen, egal ob es Fisch oder Meeresfrüchte sind, die man sein Leben riskierend dem Atlantik abgerungen hat, oder ob es Früchte sind, die man im Wüstenboden mit viel List und Lebenserfahrung ernten konnte.

In einer Gegend, in der Wasser keine Selbstverständlichkeit ist. 

Schweißtreibende Handarbeit war nötig, um einen Brunnen in den harten Fels zu treiben. Und das Wasser ist leicht salzhaltig. Aber es ist Wasser, das Leben schenkt, ein Leben, das dankbar und demütig macht. Denn nur in der Wüste lernt man den wahren Wert eines Bechers Wassers kennen. Nirgendwo sonst kann Wasser so gut schmecken. Und es ist diese Dankbarkeit und Demut, die den Menschen ihre besondere Stärke und innere Ruhe schenkt.

All dies geht durch unsere Köpfe, während wir abermals an unserem Rum schlürfen. All dies ist klar, ohne es aussprechen zu müssen. Ein klarer Blick, ein leichtes Anheben eines Mundwinkels reicht, um sich verständlich zu machen.

Es ist wahres Glück, was man in diesen Momenten der schon fast inneren Gemeinschaft erfährt. Dort ist der Konsumterror so weit weg, als würde er auf einem anderen Planeten stattfinden. Als würde er gar nicht zu dieser Erde gehören.

Ein Fernseher ist zur reinen Belustigung da. Er hat hier gänzlich seine Manipulationskraft verloren. Das Programm erscheint hier langweilig. Es würde sich nicht viel ändern, wenn man japanisches Fernsehen schauen würde. Es ist einfach nur sinnlos in einer Welt, wo es wichtig ist, dass der Brunnen richtig abgedeckt ist und die Tomaten oder anderen Nutzpflanzen vor dem Wind und vor der Sonne geschützt sind.

Es ist nicht viel anderes als das Geplärre und Geknatter eines Zweitakter-Motors, wenn sich Touristen beim Jeep- und Sandpistentesten in dieses Tal verirren. Menschen, die sich im Lärm der Großstadt wohlfühlen, aber in der wunderschönen Stille der Wüste in Panik ausbrechen, weil der Zweitakter seinen Geist aufgegeben hat.

Noch sind sie sich des etwas anderen, ganz speziellen Kontrastes nicht bewusst. „Das sind aber arme Leute hier. Wie ärmlich die Menschen hier wohnen“, denken sie, wenn sie durch ihre hoch moderne Digitalkamera schauen. Zur gleichen Zeit kommen witzige Bemerkungen der Einheimischen, wie, „Schau dir mal diese verrückten Touristen an, wie die sich mit ihrem offenen Jeep hier von oben bis unten vollstauben“, über die Lippen. Zwei ganz verschiedene Welten stehen sich plötzlich gegenüber. Channel und Cacharel spielen plötzlich keine Rolle mehr. 

Die Wildkaninchen laufen immer noch ins Loch und kommen auf der anderen Seite wieder raus. Niemand weiß, ob es das gleiche Kaninchen ist, das auf der einen Seite in den Bau hinein gegangen ist und auf der anderen Seite wieder rausgesprungen ist.

Die Touristen glauben, sie wären in einem anderen Film gelandet. Zwei sind fassungslos, und die anderen wollen so schnell wie möglich wieder weg, zurück in ihr komfortables Hotel mit allem drum und dran. Aber sie haben nicht mit dem Eigenwillen des Zweitakters gerechnet.

Ein Zweitakter, der sich wie ein alter DKW anhört, aber aus Japan ist, und jetzt vier Touristen kurz vor Sonnenuntergang mitten in der Wüste zurücklässt. Aber sie haben nicht mit der Kraft der Wüste gerechnet, die alles, all umfassende Klarheit und Milde der Wüste. Sie ist es, die hier den Ton angibt, und es gibt keinen Ausweg, weder für die einen, noch für die anderen. 

Don Benito schmunzelt, ohne dass sich ein Mundwinkel anheben würde. In seinen klaren Augen spiegelt sich das Abendrot der Sonne wieder. Doña Maria, die immer in den Sachen von der letzten Beerdigung rumläuft, sagt «hola», um das Eis zu brechen. Zwei Männer schauen sich schon mal den Zweitakter an und schütteln mit dem Kopf. Sie wissen, dass nichts zu machen ist, aber sie tun noch so, als könne man noch etwas tun, um die Touristen nicht gleich vor vollendete Tatsachen zu stellen.

Sie kennen die japanischen Motoren. Sie sind oft genug von ihnen in der Wüste zurückgelassen worden.

Ezequiel schenkt den verschreckten Menschen erst einmal einen Rum ein. Die Touristenmänner schütten ihn sofort runter und die Frauen wissen nicht, was sie mit dem Rum tun sollen. Wollen die Gastgeber aber nicht beleidigen. Candelaria und die Kinder kommen mit ein paar Stühlen raus, damit sich die Deutschen setzen können. Ezequiel gibt seinen Stuhl her und setzt sich selbst auf eine Tomatenkiste. Und er ist nicht davon abzubringen. Er ist es gewöhnt, auf einer hochgestellten Tomatenkiste zu sitzen.

Ohne, dass es irgendjemand hätte bemerken können, hat die Wüste die Kontrolle über das Geschehen übernommen. Und schon ist Candelaria mit getrocknetem Fisch da, den sie kurz auf einer Grillpfanne erhitzt hat. Ungläubig schauen die Deutschen auf dieses ihnen so fremde Mahl. Millimeter für Millimeter essen sie sich an den salzhaltigen und nach altem Fisch riechenden Geschmack heran. Plötzlich sind auch die Frauen froh über den Rum, mit dem sie alles runterspülen können. Die Sonne geht unter. Und der Zweitakter ist plötzlich in Vergessenheit geraten. Noch nie haben sie so einen wunderschönen Sonnenuntergang gesehen. Es wird dunkel und frisch in der Wüste. Der Rum tut sein Werk. Alle sprechen durcheinander. Man versteht kein Wort des anderen und doch war man sich noch nie so nah, wie an diesem Abend. Noch nie hat man die Nähe zu anderen und fremden Menschen so intensiv gespürt. Sie sind heil froh, dass der Zweitakter seinen Geist aufgegeben hat. Man ist den japanischen Ingenieuren dankbar für ihre Kunst.

Denn ohne sie hätte man diesen wunderbaren Abend nicht erlebt.

Pepe lädt die Touristen zu später Stunde in seinen Landrover ein, um sie in ihr Hotel zu bringen. Am nächsten Morgen werden sie mit Stolz dem Autovermieter den Ort zeigen, wo ihr Mietwagen liegen geblieben ist. Alle wollen mitfahren zu Ezequiel, zu Don Benito, zu Candelaria und zu Doña Maria. Sie bringen ihnen, wie könnte es anders sein ein paar Flaschen gelben Rum mit. Sie begleiten Don Benito auf seiner Angeltour. Sie helfen Candelaria bei der Küchenarbeit und denken mit Schrecken an ihre Abreise, an ihren Abschied von der Wüste. Denn sie konnten sich der Liebe der Wüste nicht entziehen.

Bar El Castillo

Unten an der Landstraße von La Pared nach Pajara ist die Bar von Castillo. Ein Relikt aus alten Zeiten. Es hat sich nichts verändert, außer ein paar Tischen vor der Tür und vielleicht ein paar neuere Fotos an der Wand. Und die asphaltierte Landstraße gibt es auch erst seit Anfang der 80er Jahre. Davor ging eine Staubpiste nur noch bis Chilegua ein paar Kilometer Insel aufwärts. Dort war Schluss. Von dort aus gab es nur noch Ziegenpfade, die über die Berge bis nach Pajara führten. Die Bar El Castillo war sozusagen am Ende der Welt. Hier trafen sich nur die Nachbarn aus dem Tal. Ich war damals einer der nächsten Nachbarn, als ich hier auf meiner Tomatenfinca lebte. Ich liebte es, am Ende der Welt zu wohnen.

Es gibt Kaffee, Wein, Bier und Limonade. Essen gibt es nur auf Bestellung. Castillo und seine Frau haben sich zurückgezogen. Die Tochter hält die Kneipe am Laufen. Ein paar Touristen machen hier halt, wenn sie mit den Buggys durch die Wüste fahren. 

La Pared

Die Fahrt geht weiter. Von hier aus sind es nur wenige Kilometer bis nach La Pared. Auf der linken Seite sehe ich ein Haus mit einem Schild, auf dem steht Woman Express. Ein Nachtclub mitten in der Wildnis. Wahrscheinlich, damit die Ehefrauen nichts merken. Aber warum Express? Zeit gibt es doch genug an diesem Ort.

La Pared

Das alte Restaurant «El Camello» von Juan gibt es noch in La Pared. Es steht gerade zum Verkauf. Ich treffe Felix, der das Restaurant zum Verkauf anbietet. Er möchte hier ein Senioren-Hotel bauen, wo sich wohlhabende deutsche Rentner einkaufen können. Mit allem, was ältere Menschen brauchen. Betreutes wohnen mit Pflegepersonal und Ärzten. Um dieses Hotel herum, möchte er Bungalows bauen, die an diesem Zentrum angeschlossen sein sollen oder können.

Felix spielte übrigens in der Mannschaft von Gran Tarajal, die damals das erste Spiel gegen den Fußballclub La Pared mit Arnold Gries als Trainer bestritten.

Sonst gibt es etwa 30 Häuser in La Pared und ein Sporthotel mit Golfplatz. Vor allem die Wellenreiter kommen gerne hierher. Die Wellen der Nordküste scheinen ideal zu sein. 

Der Name La Pared (Die Mauer) kommt von der alten Guanchenmauer, die zwei Königreiche zweier Guanchenkönige von einander trennte. Die Mauer ging quer über die Insel bis auf die andere Seite nach Matas Blancas. Übrigens die schmalste Stelle der ganzen Insel.

Später errichtete die deutsche Wehrmacht einen Stacheldraht parallel zu dieser Mauer. Deshalb nannten sie auch viele die neue Guanchenmauer. 

Der ganze Süden war deutsche Militärzone. Noch bis 1968 gab es einen kleinen Schlagbaum an der Straße, die in den Süden führte.

Sonst gab es nichts. Nur eine Grenze und eine Mauer. Obwohl sich dort niemand aufhalten wollte in dieser Zeit. Warum denn auch. Es scheint ein menschliches Wesensmerkmal zu sein, immer wieder Grenzen aufzubauen, anstatt sie einzureißen. Gerade jetzt in Coronazeiten kommt diese Eigenart wieder deutlich zum Vorschein. Die Worte mein und dein scheinen wichtiger zu sein, als unser. Anstatt Lösungen zu suchen, bauen wir immer wieder Mauern auf, die die Konflikte verstärken. Wir mauern uns ein und grenzen die anderen aus. Auch mitten in der Wüste, obwohl das absurd ist.

Ich genieße mein Stück Freiheit, die ich auf meinem E-Bike erleben darf, und freue mich über einen Tag ohne Grenzen.